Fernunterricht mit Weitsicht – persönliche Gedanken
Fernunterricht mit Weitsicht – persönliche Gedanken

Raus aus der Kammer! – Endlich! – Frische Luft! – Sonne. Distanz. Farben. Weitsicht. Ich folge dem Weg und inhaliere die frische Luft. Kein künstliches Licht, keine nervigen Töne, keine Symbole und geöffneten Fensterchen, die nach einer Eingabe verlangen. Ungewohnt, wenn sich der Blickpunkt von einem halben Meter Distanz nun plötzlich in weiter Ferne verliert. Entspannung. Weite. Weitsicht. Ich bin nicht mehr gefangen. Auf Zeit.
Neue Töne. Kein Gepiepse, dafür echte Vögel. Und das Surren? Bienen? Eine Drohne? Nein, aber kreischende Motorsägen, irgendwo im Wald oben. Menschen. Sie sind da. Sie arbeiten. Sie sind da draussen. Ich kann sie nicht sehen.
Mein Blick schweift in die Ferne, verliert sich am weiten Horizont, überfliegt die umliegenden, von Wäldern beherrschten Hügelkuppen. Ich empfinde Ruhe und Dankbarkeit. Ich bin gesund und kann mich frei bewegen. Trotz „social distancing“. Ich habe ein Dach über dem Kopf, ein Zuhause, eine Familie. Ich habe Arbeit. Arbeit gibt Sicherheit. Ich bin dankbar dafür, mich nicht um Einkommen und Gesundheit sorgen zu müssen. Ich bin dankbar dafür, was ich habe.
Ich gehe weiter. Alles ist bereit für den Frühling. Die Reben sind bestellt. Die senkrecht hochragenden Frostruten erinnern mich an die eiskalten Nächte zuvor. Ich halte inne. Von der milden Aprilsonne lasse ich mich wärmen. Ich bin müde. Aber die paar Schritte tun mit gut. Verkrampfte Gesichtsfalten, ein starr geradeaus gerichteter Blick, hochgezogene Schultern, flacher Atem – Die Entspannung kommt allmählich zurück.
Und jetzt? – Ich verharre. Nachdenken. All die neuen Aufgaben. All die Erwartungen. All meine persönlichen Ansprüche an mich und meine Arbeit. All die Gespräche über Zeugnisse und Noten. All die offenen Check-Listen. All die noch nicht eingereichten Schüler-Arbeiten. All die offenen elektronisch zu verrichtenden Feedbacks und Korrekturen. All die ungeklärten Fragen. All die Termine. All die unterschiedlichen Familiensituationen. All die verschiedenen Voraussetzungen. All die…
Nein. Jetzt nicht. Dafür Fragen: „Was ist wirklich wichtig?“ – „Was sind die Chancen?“ – „Wie geht Beziehungsarbeit mit Bildschirm und Headset?“
Weitsicht. Weitsicht tut gut – im Fernunterricht.
Text und Bild: Christian Falk
Primarschule Andelfingen, Hofwiesenstrasse 3, ZH 8450 Andelfingen, Schweiz Tel. work052 304 30 40 www.primarschule-andelfingen.ch
